Das schwere Erbe, Teil 2

Die absolute Wahrheit ist jene Wahrheit, die unabhängig von allen anderen relativen Wahrheiten aus sich selbst existiert. Sie ist spirituell, und spirituell bedeutet „persönlich-bewusst“. Ohne an dieser Stelle in die Tiefe gehen zu wollen, sei ein Beispiel angeführt, das diesen Umstand illustriert.

Entsprechend materieller Kalkulation ist etwas besser oder schlechter. Das ist die zweiwertige Logik der Dualität. Sie beschreibt eine relative Wahrheit, in der beide Pole voneinander und von einer übergeordneten Wahrheit abhängig sind. Dieser Umstand ist jedoch den dieser Logik verhafteten Menschen nicht zugänglich. Sie sehen ihre relative Position irgendwo im Spannungsfeld der Polarität als die einzig richtige Wahrheit. In Unkenntnis über die absolute Eigenschaften der tatsächlichen Wahrheit verabsolutieren sie ihre relativen Wahrheiten und schaffen auf diese Weise eine immer tiefere Spaltung sowohl untereinander und als auch zwischen sich und der absoluten Wirklichkeit.

In einer spirituellen Logik aber, die den Faktor Bewusstsein mit einbezieht, kann etwas besser sein, obwohl alles gleich gut ist. Diese spirituelle Wirklichkeit ist absolut, also unabhängig und allumfassend (absolutus, Partizip Perfekt von lat. absolvere, losgelöst). Dort, wo die beiden Pole der materiellen Manifestation ineinander aufgehen und eins werden, „entsteht“ eine unendlich tiefe persönliche Qualität individuellen Bewusstseins, das aus sich selbst existiert. Nach dieser dreiwertigen Logik, die zusätzlich zur materiellen Polarität den transzendentalen Faktor der Bewusstseins berücksichtigt, kann eine Person nun besser sein, wenn sie besser versteht, dass alles gleich gut ist. Sie ist also gleichzeitig sowohl besser als auch gleich gut. Aus materieller Sicht scheint das paradox.

Und noch etwas kommt hier zum Ausdruck, das bereits angesprochen wurde: In der materiellen Betrachtungsweise orientieren wir uns an materiellen Eigenschaften, die immer mathematisch-quantitativ vorliegen. Ein Auto ist zum Beispiel besser als ein anderes, weil seine Fertigungstoleranzen enger sind. Das ist eine materielle, d.h. messbare Eigenschaft. Geht es um die spirituelle Wirklichkeit, versagen diese quantitativen, dualistisch-zweidimensionalen Beschreibungen. Sie sind außerstande, das bewusste Wesen der spirituellen Wirklichkeit zu erfassen.

Es ist einfach, den Körper einer Person zu messen und quantitativ zu erfassen, aber es ist unmöglich, diese Person auf diese Weise kennenzulernen. Eine Person vermag zum Beispiel sich selbst und ihren eigenen Körper wahrzunehmen. Wie kann diese Fähigkeit quantitativ im Sinn einer dualen Logik erfasst werden? Das ist nicht möglich.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Vor uns liegt ein Buch. Wir können es messen, wiegen, chemisch analysieren und seine physikalische Struktur untersuchen. Wir können Bände über unsere wissenschaftliche Analyse dieses einen Buches schreiben, aber es ist wohl offensichtlich, dass uns das wahre Wesen dieses Buches auf diese Weise nicht zugänglich ist. Dieses eröffnet sich uns nur, wenn wir es aufschlagen und zu lesen beginnen, wenn wir uns der Gedankenwelt des Autors öffnen.

In dem Ausmaß, in dem wir unsere Wahrnehmung nach innen auf die bewusste Wahrnehmung des Autors selbst richten, eröffnet sich uns eine neue Welt voller Emotionen und Beziehungen. Das Bewusstsein des Autors wird nun zu unserem Objekt, aber weil dieses Objekt gleichzeitig Subjekt ist, versagen herkömmliche naturwissenschaftliche Methoden der Erkenntnis. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns dem Bewusstsein des Autors zu ergeben, um auf diese Weise an seiner Welt teilhaben zu können.

Wollen wir nach diesen einleitenden  Ausführungen zum ursprünglichen Thema zurückkehren: Streiten Anhänger verschiedener Konfessionen und Splittergruppen um das Monopol auf Wahrheit, gleichen sie Menschen, die voller Inbrunst ausrufen: „Mein gelbes Buch ist die einzige Wahrheit“. „Nein“, widerspricht ein anderer zornig: „Mein rotes Buch ist das einzig richtige.“ „Ihr Narren“, mischt sich ein Dritter ein, „es geht doch nicht um Farben. Mein Buch hat 900 Seiten. Das ist das Buch der Wahrheit.“ Sie alle richten ihre Aufmerksamkeit auf äußere Eigenschaften und verabsolutieren sie.

Als Srila Prabhupada einige Zeit nach seiner Ankunft in Amerika die „Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein“ gründete, war ihm wohl klar, dass auch diese Bewegung nicht gegen diesen materiellen Einfluss gefeit ist. Und so wie die spirituellen Lehren anderer Abgesandter Gottes im Laufe ihrer Institutionalisierung manchmal bis zur Unkenntlichkeit entstellt und ins Gegenteil verkehrt wurden, so ist es nur eine natürliche Folge der Dynamik der materiellen Welt, dass dieses Schicksal ebenso seine Bemühungen bedroht.

Die zunehmende Identifizierung mit den äußeren „Alleinstellungsmerkmalen“ einer Institution, den typischen Eigenschaften, die sie von anderen religiösen Gemeinschaften trennt, mit ihren Regeln und Regulierungen, mit ihrer hierarchischen Struktur usw., führt zu einer schleichenden Entspiritualisierung. Diese Verweltlichung hat weitreichende Folgen, die im Folgenden etwas näher erläutert werden sollen. Wir wollen das im Sinne der oben erwähnten dreiteiligen Logik vornehmen, die wir als These, Antithese und Synthese darstellen können. Dieser Einteilung entspricht die vedische Unterteilung in die drei Erscheinungsweisen  der Natur: Unwissenheit (tama guna), Leidenschaft (raja guna) und Tugend (sattva guna).

Die These wird von der Erscheinungsweise der Unwissenheit repräsentiert. Sie bildet den einen Pol der materiellen Wirklichkeit. Die Erscheinungsweise der Leidenschaft bildet ihren Gegenpol und stellt somit die Antithese dar. Diese Polarität von Ruhe und Bewegung, passivem Sein und aktiver Gestaltung, von Hingabe und Rebellion, die die ganze materielle Manifestation zwischen sich aufspannt, wird in der Polarität von weiblich und männlich versinnbildlicht. Die Überwindung dieser Polarität, ihre Vereinigung auf der spirituellen Ebene, stellt demnach die Synthese dar.

Dass die materielle Erscheinungsweise der Tugend immer noch als „guna“ (Seil) bezeichnet wird, bringt zum Ausdruck, dass sie noch nicht völlig rein ist und das Lebewesen immer noch bindet, obwohl die Fesselung viel lockerer geworden ist. Materielle Tugend wirkt zwar synthetisch, also vereinigend, aber sie ist immer noch mit Leidenschaft und Unwissenheit vermischt. Der egozentrische Genuss, den die Vereinigung der Pole als Erleuchtung mit sich bringt, behindert die Entfaltung der vollkommenen Erfahrung dieser spirituellen Einheit, die das ultimative Ziel des Lebens als Beziehung bedingungsloser Hingabe darstellt.  Das Prinzip der Synthese wird erst in reiner Tugend (shuddha sattva) zur Vollkommenheit geführt. Reine Tugend ist die natürliche Qualität des ursprünglichen Bewusstseins, das nicht mit materieller Identifikation vermischt ist.

Wollen wir nun im Licht der Philosophie dieser dreiwertigen Logik einige Phänomene der Entwicklung spiritueller Lehren und ihren Institutionen am Beispiel der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein unter die Lupe nehmen. Da diese Ausführungen auf einem allgemein gültigen spirituellen Grundprinzip beruhen, das eingangs in Ansätzen erläutert worden ist, können die Erkenntnisse anhand dieses Beispiels nahtlos auf andere Religionsgemeinschaften übertragen werden, deren Ursprung auf authentische spirituelle Offenbarungen zurückgeht.

Der dritte Teil bringt uns zu den problematischen Konsequenzen und Auswirkungen, die aus einem einseitigen Verständnis authentischer spiritueller Lehren erwachsen.

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Friedrich Asen beschäftigt sich als brahmanischer Priester einer alten spirituellen Tradition seit über 30 Jahren mit der zeitlosen vedischen Philosophie Indiens und lebt sie im Alltag. Als vedischer Astrologe bietet er das vedische Kavaca-Horoskop an, das uns hilft, das eigene Potential zu entwickeln.

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Ein Kommentar zu Das schwere Erbe, Teil 2

  1. Speziell die Gegenüberstellung von These, Antithese und Synthese gegenüber den drei Erscheinungsweisen und Ihren Wirkungsprinzipien finde ich sehr aufschlussreich. Ich bin gespannt auf den dritten Teil.

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