Der stille Schrei

Ich schreie schon mein Leben lang. In dem Moment, als ich geboren wurde, habe ich lauthals geschrien. Ich habe seitdem nie aufgehört zu schreien. Während meine Schreie über die Jahre immer verzweifelter wurden, wurden sie auch leiser. Das laute Schreien bringt dir nichts. Du wirst nicht erhöhrt. Du wirst nur zurechtgewiesen. Falls du Glück hast, bloß von gutmeinenden Freunden belehrt, aber hören tut dich keiner. Es gibt keinen größeren Schmerz, als nicht gehört zu werden, wenn man sich das Innerste aus dem Leibe brüllt. Darum wurden meine Schreie irgendwann lautlos.

Ich schreie nicht bloß vor Schmerzen. Ich schreie auch vor Freude. Doch beides liegt bedrohlich eng beieinander. Ich sitze auf der Veranda der Almhütte. Vor mir ein Trinkbrunnen, mit kristallklarem Quellwasser. Dahinter sanft abfallend eine saftige Wiese, mit vereinzeltenn Bäumen, als ob sie vom lieben Gott persönlich drübergesträut worden wären. Die Wiese mündet in ein liebliches Tal, das wieder sanft in Hügel übergeht, die sich nach und nach zu mächtigen Bergen entfalten, deren kahlen Gipfel nur allzuoft von schweren Wolken umhüllt sind. Ich lasse diesen Anblick auf mich wirken. Es ist einer der schönsten, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Ich bin überwältigt, Emotionen brauen sich einem Bergewitter gleich in mir zusammen. Ich möchte schreien, um auszudrücken, was ich empfinde. Doch kein Laut kommt über meine Lippen. Größer als der Schmerz, diesen Eindruck nicht zu teilen, ist die Gewissheit, nicht verstanden zu werden. So verwandelt sich dieser Moment unbändiger Freude, unbändiger Lebenskraft in einen Moment tiefster Einsamkeit. Und der aufkommende Schrei der Freude wird zu einem stummen Schrei der Verzweiflung.

Wo sind die Menschen, die gewillst sind, meine Worte nicht zur zu hören, sondern auch zu begreifen? Wo sind die Menschen, die sich die Mühe machen, die Welt aus meinem Blickwinkel zu betrachten? Wo sind die Menschen, die so gewaltig zuhören können, dass sie durch das bloße Zuhören ein Erlebnis, das vorher ganz meines war, auch zu ihrem machen? Wo ist der Mensch, der einmal meinen Worten lauscht und mich darin in meiner ganzen Tragweite begreift oder auch nur begreifen will?

Statt Gemeinschaft sind wir zu einer losen Ansammlung einsamer Seelen geworden. Um das zu vertuschen, reden wir mehr als jemals zuvor, teilen jeden Augenblick unseres Lebens. Wir vermeiden es mit größter Anstrengung auch nur einen Moment innehalten zu müssen, denn genau dann würden wir begreifen, dass uns keiner begreift. Nicht mal mehr wir uns selbst.

Einsam.

Verlassen.

Verloren.

Ich bin lange genug einsam gewesen. Ich will jetzt ein Zuhörer sein.

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David ist Internet-Unternehmer mit Leidenschaft, Autor und Sprecher und seit seinem siebzehnten Lebensjahr im Internet selbstständig. Man kennt ihn für sein Buch "Online-Marketing für Selbstständige". David studiert Philosophie und Theologie an der University of Chester mit Schwerpunkt auf die altindische vedische Tradition.

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