Die Begegnung

Otto Modersohn, Herbst im Moor, 1895

Ich ging mit meinen beiden Schwestern die große Straße hinunter. Wir waren auf dem Weg zur Musikschule, wohin ich die größere meiner zwei jüngeren Schwestern begleiten sollte.

Es war ein milder, doch trotzdem schon etwas kühler Spätherbsttag. Unsere Hände waren rot, und meine kleine Schwester hatte ganz rote Backen und ein rotes Näschen. Kein Wunder, denn sie saß mit ihren eineinhalb Jahren ja noch im Kinderwagen und hatte so keine Bewegung.

Ich zog ihr den wärmenden Sack, in dem sie saß, bis zum Gesicht hoch, so daß sie es so warm wie möglich hatte. Dann setzten Shyama und ich eiligen Schrittes unseren Weg fort. Kurz darauf kamen wir bei der Musikschule an, und ich verabschiedete mich von ihr. Als die schwere Tür hinter ihr zugefallen war, drehte ich mich unwillkürlich zur Seite und blickte nach dem Kirchturm. Es war immer wieder schön anzusehen, wie er sich gegen den Himmel streckte und ich verfiel für einen kurzen Moment meinen Gedanken. Schnell fasste ich mich jedoch wieder und machte mich mit meiner kleinen Schwester auf den Heimweg. Wir gingen durch das kleine Örtchen hindurch und waren bald wieder auf der großen Straße. Nun sah ich, wie eine alte Frau aus einer Seitenstraße einbog und mit ihrem altmodischen Fahrrad die Straße hinauffuhr. Sie hatte ein rotes Kopftuch umgebunden und einen dunkelgrünen, abetragenen Rock mit ebensolcher Jacke an. An manchen Stellen sah man das weiße Haar unter dem Kopftuch hervorlugen. Ich widmete mich wieder meiner kleinen plappernden Schwester und begann mit ihr zu sprechen.

Als wir so miteinander sprechend den Weg fortsetzten, sah ich aus einiger Entfernung die Frau von ihrem Rad steigen, um es die steile Straße hinaufzuschieben. Sie war nun ein Beträchtliches langsamer unterwegs als mit dem Rad und deshalb holte ich sie bald ein. Ich grüßte sie im Vorbeigehen, wie es sich für einen Jungen wie mich ziemte, als sie plötzlich sagte: „Na, du hast jo a liabs G´schwisterl!“ Ich erwiderte: „Da haben sie aber nicht unrecht“, und so begann eine kleine Unterhaltung. Sie hatte anscheinend schnell Vertrauen zu mir gefasst, womöglich, weil ich mich so herzlich um meine kleine Schwester kümmerte, und sie begann mir zu erzählen, wer vor kurzem in ihrem Wohnort gestorben ist: „Es is jo wirklich schod“, sagte sie, „en oan Tog lebens no und en nächsten Tog sans auf amoi nimmer mehr do. Es ist jo wirkli a Kreiz“, und melancholisch setzte sie hinzu: „Hoffentli geht´s eana guat, do wos hi kuman.“ Sie sah meine Schwester an und ich tat das gleiche. Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf, als sie weitersprach: „I sogs da, es is gor net so leicht, so a Kind groß zu ziang. Und waumas dann doch gschofft hat und deine Kindern große erwochsene Lackl sand, die eanere eigenen Kinder hom, dann bist oid.“

Mir gab es einen Stich. Ich verhielt mich äußerlich gesehen ganz normal, doch die Gefühle wallten in mir auf. Ich sah die Frau an und verstand, daß das keine alte Frau war. Es war eine junge Person, die mit ihrem Leben unzufrieden ist und es nicht verkraften kann, daß sie nun alt ist. Sie verstand und versteht es auch jetzt nicht, daß sie nicht dieser Körper, sondern ein Teilchen Gottes ist. Ich war schockiert über das Leben dieser alten jungen Frau, das so unglücklich verlaufen ist, nur weil sie glaubt, der Körper zu sein.

Sie ist in einer Bauernfamilie geboren worden und wollte groß sein. Als sie erwachsen war, trauerte sie ihrer Kindheit nach und wollte gerne wieder ein kleines Kind sein, das nicht zu arbeiten braucht. Nun endlich glaubt sie, alt zu sein und trauert ihren jungen Jahren, in denen sie genauso wenig glücklich war, nach. Welch ein verschwendetes Leben!

Die alte Frau verabschiedet sich und biegt in einen kleinen Weg ein. Noch immer bestürzt blicke ich meine kleine Schwester an und verfalle in Gedanken. Ich höre, wie sich zwei Menschen über den Tod dieser alten Frau unterhalten: „Es is jo wirklich schod“, sagen sie, „en oan Tog lebens no und en nächsten Tog sans auf amoi nimmer mehr do. Es ist wirkli a Kreiz.“

„Damodara!“, sagt meine kleine Schwester und ich flüstere: „Komm, gehen wir nach Hause.“

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David ist Internet-Unternehmer mit Leidenschaft, Autor und Sprecher und seit seinem siebzehnten Lebensjahr im Internet selbstständig. Man kennt ihn für sein Buch "Online-Marketing für Selbstständige". David studiert Philosophie und Theologie an der University of Chester mit Schwerpunkt auf die altindische vedische Tradition.

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2 Kommentare zu Die Begegnung

  1. ‚Sie ist in einer Bauernfamilie geboren worden und wollte groß sein. Als sie erwachsen war, trauerte sie ihrer Kindheit nach und wollte gerne… ‚
    Was wurde ihr wohl angetan in ihrer Kindheit? Und niemand hat sie an der Hand genommen und ihr die Schönheit auf dieser Erde gezeigt!

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