Ist Gott eine Person?

Manchmal werde ich von Menschen darauf angesprochen, dass in den Vorlesungen von Mitgliedern der Hare Krishna-Bewegung ein primitives Gottesbild vermittelt wird, das fanatisch und sentimental und somit für einen intelligenten Menschen nicht anziehend sei. Das Problem liegt meines Erachtens aber nicht in der Philosophie des Gaudiya-Vaishnavatums selbst, sondern vielmehr darin, dass viele Gottgeweihte ihre eigene philosophische Lehre und Tradition nicht wirklich kennen.

Die Philosophie des Gaudiya-Vaishnavatums, die von der Bewegung für Krishna-Bewusstsein vertreten wird, kennt keine philosophischen Tabus. Hier wird jeder, der bereit ist, alle philosophischen Scheuklappen abzulegen, einen unendlich tiefen Ozean vollkommener Argumentation und Schlussfolgerung finden. Es sind die persönlichen Scheuklappen mancher Vertreter dieser Philosophie, die eine ansprechende, angemessene und schlüssige Vermittlung verhindern.

Ein lieber Freund, der sich in diesem Zusammenhang vor einiger Zeit bei mir beklagt hat, hat mir kürzlich geschrieben, dass er gerade das Buch „Die Kraft der Gegenwart“ von Eckhardt Tolle lese. Dieses Buch vertritt im Großen und Ganzen die Philosophie des Monismus („Alles ist eins“), die in der autoritativen Vedanta-Philosophie verworfen wird. Dort heißt es, dass Einheit und Vielfalt die zwei untrennbaren Faktoren der Ganzheit sind. Ganzheit schließt also Einssein und Verschiedensein mit ein.

Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass eine unzulässige Verkürzung der Philosophie des Krishna-Bewusstseins das Bedürfnis intelligenter Menschen nach philosophischer Klarheit und Transparenz nicht befriedigen kann. Sie kritisieren zu Recht die „Verweltlichung“ Gottes, die unausweichlich zu naiver und sentimentaler Schwärmerei und Fanatismus führt. Auch behagt es ihnen nicht, dass Hingabe zu Gott, wie sie in der Bhagavad-gita als bhakti-yoga gelehrt wird, damit auf eine Grundlage gestellt wird, die verzerrten und missbräuchlichen Beziehungen Tür und Tor öffnet.

So suchen sie bei „transzendentaler“ Literatur Zuflucht, die in Wirklichkeit aber vom spirituellen Weltbild der vedischen Literatur ihrerseits transzendiert wird. In Unkenntnis der Implikationen des Wesens dieser absoluten Transzendenz (svarat)  erweisen die Gottgeweihten sich selbst und anderen einen schlechten Dienst, denn kein intelligenter Mensch will und kann Zuflucht bei einem Gott suchen, dessen Wesen nicht den höchsten Ansprüchen einer wachen und kritischen Intelligenz entspricht.

In meiner Antwort habe ich versucht, in einigen wenigen Zeilen eine Zusammenfassung des vedischen Gottesbildes zu vermitteln.

 

Lieber Freund!

In diesem Punkt stimme ich Dir völlig zu. Solche Bücher können einem verstehen helfen, dass Gott tatsächlich transzendental zu jeder materiell persönlichen und materiell-negierenden unpersönlichen Auffassung steht. Gott ist eine transzendentale Person, ein Individuum, ein “Ich bin”, aber Seine Persönlichkeit ist – im Gegensatz zu einer materiell bedingten Person – der Inhaber unbegrenzter und unerschöpflicher Energie, über die Er frei verfügt. Gott ist nicht nur keine materielle Person; Er ist auch nicht “nicht nur keine materielle” Person. Als spirituelle Person steht Er jenseits der materiellen Kategorien sowohl einer Identifikation mit Materie einerseits als auch der Ablehnung der Identifikation mit Materie andererseits.

Wie viele Christen, so sehen auch viele Gottgeweihte der Hare-Krishna-Bewegung Gott auf sentimentale Art und Weise als materielle Person. Ihr ganzes Handeln, Denken und Wollen bringt zum Ausdruck, dass sie Gott mehr oder weniger bloß als materiell sehr, sehr mächtige Person verstehen. Sie haben keinen Zugang zu seinem echten Wesen, das mit Materie nicht das Geringste zu tun hat. Das hat weitreichende Folgen, auf die ich hier nicht eingehen kann. Aber es ist klar, dass für einen intellektuell fähigen Menschen mit Abstraktionsvermögen dieses sentimentale Konzept in seiner Primitivität nicht anziehend ist. Deshalb hat Srila Prabhupada (der Gründer dieser Bewegung) sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Gottgeweihten diese transzendentale Individualität Gottes intelligenten Personen mit perfekter philosophischer Argumentation nahebringen.

Als die ursprüngliche spirituelle Person transzendiert oder überschreitet Gott alle materiellen Vorstellungen, weshalb Er acyuta, aus materieller Perspektive unbegreiflich, genannt wird. Das bedeutet auch, dass Gott als die erste oder ursprüngliche Person, in der alles existiert, nicht durch unsere begrenzten intellektuellen, mentalen und sinnlichen Fähigkeiten verstanden oder erkannt werden kann. Er ist nur durch Offenbarung zu erkennen, und Er offenbart sich denjenigen, die bereit sind, den Preis dafür zu bezahlen. Der Preis besteht darin, die eigene völlige Abhängigkeit von Gott als Sein winziges Teilchen zu erkennen und anzunehmen.

Gott ist alles, aber nicht alles ist Gott, obwohl alles mit Ihm verbunden ist.

In Ihrem höchsten, tiefsten und ursprünglichsten Aspekt ist die Wirklichkeit also eine unbegrenzte transzendentale Person, die über unbegrenzte Macht und Energie verfügt. Alles existiert in dieser Person als ihre Energie. In diesem Sinn ist die Energie qualitativ nicht von der ersten Person verschieden, aber die erste Person, Gott, ist gleichzeitig auch immer von der Energie verschieden, da die Energie immer vom Energieursprung, dem Besitzer der Energie, abhängig ist.

Ich sehe auch, dass die Gottgeweihten die Höchste Person oft im Sinn eines beschränkten Anthropomorphismus spontan auf die Ebene materieller Individualität ziehen, die aus der Identifikation mit dem zeitweiligen materiellen Körper entsteht. Viele Gottgeweihte können das transzendentale Wesen Gottes nicht wirklich begreifen. Sie folgen zwar offiziell der Lehre des acinty bhedabheda tattva (die Lehre des gleichzeitigen Eins- und Verschiedenseins Gottes und Seiner Energie), aber aufgrund einer unreinen Intelligenz begreifen sie diese nicht wirklich. Das kommt vor allem, weil sie selbst zu wenig über Gott hören. Aus diesem Grund betonen sie auch oft einseitig unsere Verschiedenheit von Gott (dvaita), ohne zu verstehen, dass die Einheit des Lebewesens mit Gott (advaita) genauso wichtig ist. Erst in der Einheit gewinnt Verschiedenheit an Bedeutung und kann als liebevolle Beziehung erfahren werden. Und erst in der Verschiedenheit gewinnt Einheit an Bedeutung und kann ebenso als Beziehung in reiner Liebe erfahren werden. Einheit und Verschiedenheit bedingen sich gegenseitig, und beide Aspekte sind gleich wichtig. Das ist die Aussage der Philosophie des materiell unbegreiflichen gleichzeitigen Eins- und Verschiedenseins (acintya bheda abheda tattva).

>Ich glaube auch, dass wenn man  es schafft, wirklich mit völliger Aufmerksamkeit >im Jetzt  auf Gott gerichtet zu Chanten, erreicht bzw. erkennt man ihn sofort.

Ja, so ist es. In völliger Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt transzendieren wir die Dualität von Vergangenheit und Zukunft und erheben uns in eine ewige spirituelle Gegenwart. Auf dieser Ebene des absoluten, d.h. aus sich selbst existierenden Daseins können wir erkennen, dass der Name Gottes von Gott nicht verschieden ist. Wenn wir den großen Mantra der Befreiung, den Hare Krishna Maha Mantra, der aus den Namen Gottes und der Göttin besteht, in dieser spirituellen Gegenwart chanten, können wir Ihn und Sie direkt und unmittelbar erkennen.

Warum schreibe ich „Ihn“ und „Sie“ in diesem Fall groß? Das hat den Grund darin, dass Er als die unabhängige Person (svarat) nicht nur ein gedachter und abstrahierter Gott, sondern tatsächlich ein Individuum ist, das auf ewig verschieden von anderen Individuen ist. Er ist alles, aber nicht alles ist Er, denn Er ist immer verschieden von Ihr, von seiner Energie, also von allem. Die Energie, die Göttin, ist ebenso göttlich wie der Energieursprung, Gott. Aber die Energie ist nicht der Energieursprung. Da die Göttin die unbegrenzte Kraft Gottes ist, wird auch „Sie“ groß geschrieben.

Ich höre mir gerade diese Seminarserie an, die sich genau mit diesem Thema auseinandersetzt. Ist Gott das Nichts oder ist Gott das Ganze, oder ist er als der individuelle persönliche Ursprung des Ganzen mehr als das Ganze? Für intellektuelle Geister sehr ansprechend und überaus empfehlenswert!

Defeating Mayavada Philosophy

Ich stimme Dir völlig zu, dass es essentiell ist, die Verrücktheit und Hilflosigkeit des eigenen Geistes zu erkennen. Viele Gottgeweihte verdrängen dieses Thema und bauen dann Ihr sogenanntes Krishna-Bewusstsein auf diesen unreinen und wirren Geist, was nur zu sentimentaler Schwärmerei oder Fanatismus führen kann.

Lass uns echte Geweihte Sri Krishnas werden, indem wir auf der Grundlage vollkommener Intelligenz und Philosophie lernen, uns in reinem Vertrauen vorbehaltlos diesem unbegrenztem und umfassenden INDIVIDUUM Gott zu ergeben.

Alles Gute!

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Friedrich Asen beschäftigt sich als brahmanischer Priester einer alten spirituellen Tradition seit über 30 Jahren mit der zeitlosen vedischen Philosophie Indiens und lebt sie im Alltag. Als vedischer Astrologe bietet er das vedische Kavaca-Horoskop an, das uns hilft, das eigene Potential zu entwickeln.

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Ein Kommentar zu Ist Gott eine Person?

  1. Ich weiß dass Gott eine Person ist, weil Er mir (oder ich Ihm) begegnet bin. Gott hat auch einen Namen. Sein Name ist Jesus Christus. Er starb am Kreuz für alle unsere Schuld und Sünde (Sünde bedeutet: Trennung von Gott) Wer Jesus begegnet, braucht nicht mehr suchen. Er hat dann den gefunden, der von sich sagt: ´´Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich´´ (Joh. 14, 6) Gott sei Dank ist die Bibel kein altes Geschichtsbuch, sondern ein hochaktuelles Buch, das uns allein den Sinn des Lebens, welcher nur in Jesus zu finden ist, zeigen kann! Gott segne Sie. Wer Gott aufrichtig sucht, wird Ihn finden.

    Krishna und Mohammed, Buddha und alle anderen Menschen sind gestorben. Jesus Christus lebt und sitzt zur Rechten Gottes, des Vaters. Und Er ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Es ist kein anderer Name unter dem Himmel, durch den wir können selig werden.(Apg.4, 12) Ich bete für Sie. Denn ´´Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht´´. (1. Joh. 5, 12) Gott ist eine dreieinige Person, bestehend aus Vater, Sohn und heiligem Geist. (So wie auch ein Ei Eiweiß, Eigelb und Eierschale hat, ich weiß, ein sehr einfacher Vergleich, aber doch passend) Und Gott liebt Sie so sehr; Herr Asen! Darum hat Er Seinen Sohn gesandt, um für alle Ihre Schuld und Fehler geopfert zu werden, damit Sie das ewige Leben erhalten können. Lesen Sie Johannes 1, 11 -13. Gelobt Sei Sein Name immer und ewig. Amen.

    „Wahrlich, wahrlich, ich sage Dir: so jemand nicht von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen“. (Johannes 3, 3). Erst wer Jesus in sein Herz nimmt, wird von neuem geboren und erhält ewiges, unvergängliches Leben! Gott segne Sie.

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