Wien Hauptbahnhof – Ein Stadtviertel erwacht

Wien Hauptbahnhof
Fotocredit: ÖBB/Stadt Wien

Seit Jahren beobachte ich das rege Treiben auf dem Areal des ehemaligen Südbahnhofs, das praktisch vor meiner Haustür liegt. Dort, wo noch vor drei Jahren keine zwei Minuten von meiner Haustüre entfernt eine massive, zwei Meter hohe Mauer das Ende meines Viertels markierte und nur erahnen lies, was sich dahinter verbirgt, steht jetzt ein großzügig gebauter Schulcampus inklusive Fußballfeld auf dem Dach der Sporthalle. Links und rechts davon sind mittlerweile etliche Wohnblocks in den Himmel gewachsen und nur die weite Fläche, ab und an unterbrochen von Hügeln aus Erde und Schutt inmitten dieser in stumpfen Winkel zueinander errichteten Neubauten zeugt noch von der einstigen Atmosphäre des alten verkommenen Verladebahnhofgeländes. Natürlich ist nicht zu vergessen, dass das wichtigste an diesem Projekt, nämlich der neue Hauptbahnhof selbst, mittlerweile seit gut einem halben Jahr in Betrieb ist.

Viel hat sich also getan und das ist auch gut so. Richtig gut. Ich war und bin ein glühender Verfechter des neuen Hauptbahnhofs. Ich bin in Wien aufgewachsen und es war mir schon als kleiner Bub einer Weltstadt unwürdig erschienen, dass man von einem Bahnhof zum anderen fahren musste, wenn man beispielsweise von Graz nach St. Pölten wollte und das wohlgemerkt nicht mal mit der U-Bahn, sondern mit der dahinzuckelnden Straßenbahn. Ich behaupte somit einfach mal frech, dass ich den Gedanken an einen Zentralbahnhof in Wien schon so lange mit mir herumtrage, wie die verantwortlichen Herrn hinter dem aktuellen Projekt.

Heute ging ich nach mehreren Wochen wieder einmal durch das neu entstehende Stadtviertel und stellte mit Freude fest, dass es nun langsam zu Leben beginnt. Es ist faszinierend zu beobachten, wie dieses Stadtviertel wie ein Riese erst langsam zum Leben erwacht. Am Anfang standen nur fertiggestellte Wohngebäude neben unfertigen. Ein paar Wochen darauf sah man plötzlich Autos vor den Wohnhäusern stehen und am Abend vereinzelt schon beleuchtete Fenster. Am Schulcampus, wo vor nicht allzu langer Zeit die Arbeiter noch den Rasen ausrollten, toben mittlerweile Kinder und mit einer gewissen Wohligkeit stelle ich fest: Alles wirkt lieblicher, wenn es erstmal von Menschen genutzt wird. Dabei sind es ganz kleine Dinge, die den Unterschied machen, beispielsweise die Zeichnungen und Papierkunstwerke, die neuerdings an den großen Glasfronten der Schulklassen kleben.

Bei meinem heutigen Spaziergang nun habe ich festgestellt, dass das neue Stadtviertel nun drauf und dran ist, vollends aus seinem Dornrößchenschlaf zu erwachen. Während ich so die Häuserzeile inmmitten des neuen Viertels entlang ging, bemerkte ich plötzlich Veränderung in der hügeligen Wildnis der großen Schotterfläche. Gräser breiteten sich auf dem steinigen Untergrund aus und Tulpen blühten auf dem kargen Boden! Ganz wild und unbeabsichtigt, haben Sie sich selbst einen Platz verschafft, ganz so als ob sie zeigen wollten: Wir gehören hier dazu und es wird Zeit, dass wir uns hier ebenfalls niederlassen. Ich konnte nur staunen. Ob dieses gewaltigen Zeichens an Lebenskraft übersah ich fast den Umstand, dass die karge Wildnis der Schotterfläche mittlerweile gar keine mehr war. Meine Augen erblickten viele Gräben und junge Bäume, die davon zeugen, dass nun damit begonnen wurde, die Grundzüge für das Herzstück des neuen Stadtviertels zu legen: Den großen, grünen Park.

Ich bin gespannt, wie der neue Park wird. Insgeheim hoffe ich, dass sie ihm etwas von der ungebändigten Atmosphäre lassen, die das Gelände jetzt noch besitzt und ihn nicht in einen völlig glatten, durchgestalteten, aber letztendlich faden Park verwandeln. Ich wünsche mir ein paar Hügel, große Bäume, Büsche und einen Hauch von Wildnis, der daran erinnert, dass dies einmal ein Ort war, wo sich Tulpen einen Platz auf steinigem Boden erkämpft hatten und Gräser kniehoch wuchsen.

Obwohl es bei der Realisierung dieses Jahrhundertprojekts durchaus Punkte gibt, die ich kritisch betrachte und meine, dass diese besser gelöst hätten werden können, ist dieses Projekt für mich allein schon aus diesen zwei Gründen ein Erfolg: Es gibt in Wien nun einen zentralen Durchgangsbahnhof, der Wien an moderne und attraktive Zugverbindungen anschließt und die Stadtplaner des neuen Stadtviertels haben auf etwas geachtet, das viel größere Fehler wettmachen würde, als die, die begangen wurden: Es wird ein riesiger Park geschaffen, der nicht nur die Lebensqualität in dem neuen Stadtviertel erheblich steigern wird, sondern auch darüber hinaus deutlich Freude bereiten wird.

Vielleicht nehme ich noch Stellung zu Punkten, die ich anders realisiert hätte, aber für heute sage ich: Hut ab und Respekt vor diesen vernünftigen Entscheidungen. Der neue Stadtteil Wien Hauptbahnhof beginnt zu leben und es scheint, er hat noch einiges vor.

Mehr Infos zum neuen Hauptbahnhof in Wien:

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David ist Internet-Unternehmer mit Leidenschaft, Autor und Sprecher und seit seinem siebzehnten Lebensjahr im Internet selbstständig. Man kennt ihn für sein Buch "Online-Marketing für Selbstständige". David studiert Philosophie und Theologie an der University of Chester mit Schwerpunkt auf die altindische vedische Tradition.

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