Das schwere Erbe

Gott sendet in regelmäßigen Abständen Seine Söhne und Diener in diese Welt oder kommt persönlich, um die religiösen Prinzipien zu erneuern, ohne die die Menschheit sehr rasch in Erniedrigung und Zerstörung versinken würde: „Wann und wo auch immer das religiöse Leben verfällt und Irreligiosität überhandnimmt,  o Nachkomme Bharatas,  erscheine  Ich.“ (Bhagavad-Gita 4.7).

In dieser dreiteiligen Artikelserie geht es um das Erbe, das diese avataras (Sanskrit, „jemand, der herabsteigt“) hinterlassen, und es geht um den Weg, den dieses Erbe nimmt. So wie nichts heilbringender wirkt als echte göttliche Lehren, so wirkt nichts zerstörerischer als ihre Verzerrung und Pervertierung.  Authentische spirituelle Lehren erzeugen in einer Welt, die sich durch die illusorische Identifikation des ewigen Lebewesens mit vergänglichen materiellen Manifestationen definiert, ein intensives Spannungsfeld. Durch den Einfluss der materiellen Energie laufen sie Gefahr, zunehmend missverstanden, verdreht, entstellt und instrumentalisiert zu werden. Tatsächlich ist der Missbrauch spiritueller Lehren wohl die perfideste und raffinierteste Art, um Menschen in die Irre und ins Verderben zu führen. Aus dieser Perspektive ist die Aussage eines Karl Marx, Religion sei das Opium des Volkes, völlig zutreffend.

Wenn alle anderen Bemühungen gescheitert sind, wenden sich Menschen als letztem Rettungsanker spirituellen Lehren zu, um auf diese Wiese die Probleme des Lebens umfassend zu lösen. Es ist ihre letzte Hoffnung, aber es ist auch die einzig berechtigte Hoffnung. Wenn ein Mensch nach Myriaden von Irrtümern bereit ist, aufs Ganze zu gehen und das Problem an der Wurzel zu lösen, ist das Furchtbarste und Destruktivste, was ihm passieren kann, von Betrügern und falschen Propheten im Namen von Religion und Spiritualität in die Irre geführt zu werden. Falsche Abhängigkeit, Ausbeutung und Missbrauch auf der Grundlage von Angst und Schuld werden letztlich sein Vertrauen in die Wirklichkeit dermaßen erschüttern, dass nur mehr die Flucht in die Zerstörung und nihilistischen Zynismus bleibt. Deshalb tragen die Erben authentischer spiritueller Lehren eine Bürde der Verantwortung, die ihresgleichen sucht, denn Betrug im Namen göttlicher Lehren ist das ultimative Verbrechen.

Nun ist dieser Betrug vielen Betrügern gar nicht bewusst, weil sie selbst zu Betrogenen geworden sind, die den Betrug nach bestem Wissen und Gewissen weitergeben. So entsteht eine Dynamik von Abhängigkeiten, die aufgrund der Schwere und Tragweite der Angelegenheit – es geht schließlich ja um das Gesetz Gottes – leicht zu blindem Fanatismus, Mobbing und psychischer, mentaler und physischer Ausbeutung führen, wie sie im weltlichen Bereich nicht leicht zu finden ist. Obwohl etwa politische Parteien grundsätzlich nach den gleichen Prinzipien funktionieren, wird dort die Situation aufgrund  einer weniger ausgeprägten leidenschaftlichen Verabsolutierung der Parteilehre und ihrer Führung gemildert. Dass sich das ganz rasch ändern kann, sehen wir in den Fällen quasireligiöser Verabsolutierung eines Mao Tse-Tung oder Wladimir Iljitsch Lenin. Ob die Unbewusstheit der betrogenen Anhänger diese ihrer Verantwortung enthebt, wird im letzten Teil dieser Serie behandelt werden.

Bei meinem Ausführungen werde ich mich auch auf eine relativ neue spirituelle Bewegung, die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, beziehen. A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, der später von seinen Schülern respektvoll Srila Prabhupada genannt wurde, kam 1965 auf einem Frachtschiff nach Amerika, um den Menschen dort die Philosophie und Praxis des Krishna-Bewusstseins zu überbringen. Krishna ist der Hauptname Gottes und bedeutet „allanziehend“. Jeder fühlt sich, entweder direkt oder indirekt über die materielle Manifestation, zu Krishna hingezogen. Die Änderung der Fokussierung des Bewusstseins von Materie auf den Ursprung der Materie wird Krishna-Bewusstsein genannt.

Warum ich in diesem Artikel auf die Bewegung für Krishna-Bewusstsein näher eingehe und meine Analyse auf die von ihr propagierte Philosophie der Bhagavad-gita gründe, hat seine Ursache darin, dass mir zum einen diese Bewegung als spiritueller Hoffnungsträger sehr am Herzen liegt. Zum anderen beruht sie nicht nur auf der umfassendsten und tiefsten spirituellen Offenbarung, die die Erde seit vielen Jahrtausenden erlebt hat, sie steht sogar in der direkten Nachfolge des „yuga avatara“, der für dieses Zeitalter des Kali vorgesehenen Inkarnation Gottes zur Wiedereinführung und Erneuerung spiritueller Grundsätze.

Wollen wir noch einmal wiederholen: Die Wahrheit ist ewig in der spirituellen Welt manifestiert. Um den Lebewesen, die sich in die Identifikation mit Materie verloren haben, aus ihrer Misere zu helfen, erscheinen Gott und Seine Geweihten, Söhne und Diener in bestimmten Intervallen in der materiellen Welt. Oft bleiben diese der Nachwelt als Religionsgründer in Erinnerung. Diese Terminologie ist aber etwas irreführend, denn sie begründen nicht wirklich eine neue Religion, sondern bringen dasselbe unvergängliche Wissen um die zeitlose Wirklichkeit der spirituellen Welt entsprechend Zeit, Ort und Umständen in unsere vergängliche Welt.

Was wirklich neu ist, sind die äußeren Institutionen, die sich die Verbreitung dieses Wissen zur Aufgabe machen. Spirituelles Wissen, soweit es von Gott und Seine autorisierten Vertretern stammt, ist grundsätzlich immer und überall dasselbe. Die Institutionen jedoch tragen – je nach Zeit, Ort und Umständen – unterschiedliche Namen. Und hier fängt das Problem an.

Weil sich die Menschen der materiellen Welt mit Materie identifizieren, ist es ihnen nur sehr schwer möglich, das wirkliche Wesen dieser spirituellen Lehren zu verstehen. So rücken diese immer mehr in den Hintergrund und die äußeren Merkmale der jeweiligen Institution und deren Namen und Bezeichnungen immer mehr in den Vordergrund. Damit können sich die Menschen viel einfacher identifizieren: „Ich bin Christ“, „Ich bin Moslem“, Ich bin Hindu“ und so weiter. Weil auf diese Weise die ursprünglichen spirituellen Lehren von der falschen Identifikation mit Materie überwuchert werden, geht das Wissen um die Einheit aller echten spirituellen Lehren mehr und mehr verloren. Es entsteht eine babylonische Sprachverwirrung, in der keiner mehr den anderen versteht. So entstehen immer weitere Spaltungen. Aus dem „Ich bin Christ“ wird ein „Ich bin Katholik“  oder „Ich bin ein Protestant“, und auch unter den Mitgliedern dieser Spaltungen bilden sich immer weitere Untergruppen. Spaltung ist das intrinsische Wesen dieser Welt.

Natürlich gibt es auch die „falschen Propheten“, die von vornherein nichts anderes im Sinn haben, als sich im Namen Gottes oder als Gott selbst die Menschen untertan zu machen, um sie auszubeuten und zu missbrauchen. Aber ob falsche Inkarnation oder die Institutionalisierung einer authentischen spirituellen Philosophie, der Effekt ist derselbe. Sie alle beanspruchen für sich die absolute Wahrheit und das Monopol der „Heilsbringung“, aber die absolute Wahrheit ist längst einer relativen, künstlich verabsolutierten Wahrheit gewichen.

Was aber ist der Unterschied zwischen absoluter und verabsolutierter Wahrheit? Diese Frage soll im nächsten Teil näher erörtert werden.

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Friedrich Asen beschäftigt sich als brahmanischer Priester einer alten spirituellen Tradition seit über 30 Jahren mit der zeitlosen vedischen Philosophie Indiens und lebt sie im Alltag. Als vedischer Astrologe bietet er das vedische Kavaca-Horoskop an, das uns hilft, das eigene Potential zu entwickeln.

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